Freispruch für Strafgefangenen

Freispruch für Strafgefangenen - Die Verbrechen hinter Gittern

Wenn sich die Zellentür schließt, bedeutet das nicht das Ende von Straftaten: Hunderte Delikte von Körperverletzung bis zum Suchtgiftmissbrauch werden jährlich in Österreichs Gefängnissen angezeigt.

Suchtgiftdelikte in Gefängnissen sind in vier Jahren deutlich häufiger geworden, aber bei weitem nicht die einzigen illegalen Vorkommnisse in den Zellen.

Wien – Alexander hatte im Dezember des Vorjahres einen Raufhandel im Hof der Justizanstalt Gerasdorf und war in eine Zelle mit drei anderen Jugendlichen verlegt worden. Dort hatte er die eingespielte Hackordnung offenbar unterschätzt. “Der Neue war komisch, ich glaube, er dachte, er wäre cool”, erinnerte sich einer der neuen Zellengenossen. Sie hätten ihm gesagt, “er soll nicht so tun, wenn er erst einen Tag in der Zelle ist”.

Es war zum Streit gekommen, ein Besenstiel ging bei der Schlägerei zu Bruch und Alexander landete am Boden. Doch sein Kontrahent hörte nicht auf, Ljubisa sprang auf den Kopf von Alexander: “Nicht so wie mit einem Fußball. Wie man eine Aludose zertritt”, berichtete ein Zellengenosse.

Alexander hatte Glück, überlebte mit einem Schädel-Hirn-Trauma und einem Schädelbasisbruch. Der bullige, 16-jährige Ljubisa bekam zu seinen einschlägigen Vorstrafen noch einmal acht Monate dazu. Nach Verbüßung der Haft soll der gebürtige Serbe abgeschoben werden. Seine Eltern hätten eine Landwirtschaft – vielleicht sei dort ein Neubeginn möglich, hieß es im Wiener Landesgericht.

Dass hinter Gittern getreten und geprügelt wird, kommt immer wieder vor, wie heuer eine parlamentarische Anfrage des grünen Justizsprechers Albert Steinhauser gezeigt hat. 216 strafrechtlich relevante Übergriffe von Insassen gegen Insassen wurden im Vorjahr registriert. Nicht immer ist körperliche Gewalt im Spiel, weiß der Wiener Rechtsanwalt Roland Friis. Er verteidigte einen Häftling, der vor Gericht stand, da er gegenüber einem Besucher mit dem Mord an einem anderen Häftling gedroht haben soll. Der Häftling zeigte Friis’ Klienten an – zu Unrecht, wie sich in der Verhandlung zeigte. Denn die Drohung konnten die beiden Belastungszeugen nicht gehört haben. Der Angeklagte war nämlich zu dem Zeitpunkt nachweislich in einer Therapieeinheit.

In die Statistik fällt ein derartiger Fall dennoch. “Sobald der Verdacht einer strafbaren Handlung besteht, müssen wir das anzeigen”, sagt Alfred Steinacher, Sprecher der Vollzugsdirektion, der für alle 28 österreichischen Gefängnisse zuständigen Oberbehörde. “Es führt dann aber nicht alles auch zu Gerichtsverhandlungen”, weiß er.

Bei Angriffen auf Justizwachebeamte ist das anders, die kommen aber vergleichsweise selten vor. 54 Attacken gab es im Vorjahr, bei rund 11.700 Menschen, die 2008 irgendwann einmal in Haft waren. Durch Neuzugänge und Entlassungen schwankt die Zahl der Insassen ständig, derzeit liegt sie bei etwa 8400 Personen.

Messer für die Häftlinge
Dass es im internationalen Vergleich relativ ruhig zugeht, führt Pressesprecher Steinacher auf die österreichische Mentalität zurück. “Es herrscht eine relaxtere Atmosphäre als zum Beispiel in Großbritannien. Dort ist es undenkbar, dass in der Küche Häftlinge mit einem Messer arbeiten, was bei uns Alltag ist.”

Auch andere Faktoren würden helfen. Es gebe eigene Gesprächsgruppen zwischen Beamten und Häftlingen, Sozialarbeiter und Psychologen seien fix in den Anstalten, und da Justizwachebeamte immer auf ihrer “Station” bleiben, baue sich eine Gesprächsbasis auf.

Die Belagszahlen und damit die Möglichkeit zur Betreuung der Gefangenen spielen allerdings nicht automatisch eine Rolle bei den Strafanzeigen, zeigt ein Blick auf die Statistik. Im Mai 2009 gab es zwar rund fünf Prozent weni ger Häftlinge als im Juni 2005 – die Zahl der Suchtgiftdelikte ist aber um 40 Prozent gestiegen.

An größere Dealerringe hinter Gittern glaubt Steinacher derzeit dennoch nicht: “Wir haben keine Hinweise darauf, gehen aber natürlich jedem Verdacht nach.” Der Drogenkonsum sei übrigens ein anderer: “Im Gefängnis wird man keine aufputschenden Drogen wie Kokain nehmen, man will ja den Alltag dämpfen.” Was bei manchen Insassen zu eher unglücklichen Entscheidungen führt – Cannabis ist auf den Gängen recht weit zu riechen.

(Roman David-Freihsl, Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe, 22.07.2009)

Kommentare sind deaktiviert.