Drei tschetschenische Schmalspurmafiosi wollten Wiener Juden erpressen

Landesgericht Wien

(Wien, im August 2008) Mario Puzo hat mit seinem Roman “Der Pate” wohl viel Schaden angerichtet. Er schrieb 1969 die fiktive Geschichte einer Luxus-Mafiafamilie, die eine kriminelle Organisation war. Francis Ford Coppola hat mit seiner cineastischen Gangsteroper “Der Pate (I-III)” wahrscheinlich noch mehr Schaden angerichtet. Er gab der Romanvorlage schöne Luxus-Gesichter: Zuerst mit Marlon Brando (1972), dann mit den jungen Al Pacino und Robert de Niro (1974). Seither will jeder Möchtegern-Mafiosi der westlichen Welt wie der junge Michael Corleone denken und wie der junge Vito Corleone aussehen.

Beide gingen übrigens beim jüdischen Österreicher Lee Strasberg in dessen New Yorker Schauspielschule, wo sie das “Method Acting”, also das “innere Erleben von Rollensituationen” perfektionierten. Die Nachwuchskünstler im realen “Mafiagewerbe” vergessen, dass Film und Wirklichkeit zwei paar Schuhe sind.

Film und Realität
Drei geschniegelte Tschetschenen (19, 21, und 25) saßen am 6. August 2008 im Saal 106 am Wiener Landesgericht vor einem Schöffensenat. Ihnen wurde “Schwere Erpressung” an zwei jüdischen Wiener Geschäftsleuten vorgeworfen, die einen Eissalon am Schwedenplatz (”Fratelli”) betreiben. Ein Angeklagter saß in U-Haft, zwei kamen auf freiem Fuß. Einer kam mit weißen Lackschuhen, die eine schwarze Schuhspitze hatten, dazu weißes Rüschenhemd, drei Knöpfe offen. Man dachte schon wieder an die Klamottenkiste aus den Mafiafilmen und möchte Coppola einen Beschwerdebrief schreiben und Puzo einen in den Himmel.

Bemerkenswert: Der Saal 106 ist ein mittelgroßer Saal am Landesgericht Wien. Er war gesteckt voll mit Zuhörern. Mindestens fünfzehn Frauen mit Schleiertuch, junge und alte, verfolgten den Prozess, dazu gut zehn Männer. Muslimische Mütter, Schwestern, Tanten, Nichten, Väter, Onkels, Brüder. So viele Tschetschenen sieht man sonst nur im Asylheim oder in Traiskirchen. (Oder auf der Wiener Donauinsel beim Grillen, wo kürzlich die Messer locker saßen – aber das ist wieder eine andere Geschichte.)

Geldnot für Internetcafé
Die Geschichte ist vertrackt. Klar ist: Die drei wollten mehr als sie konnten. Zum Beispiel: Sich mit einem Webcafé selbständig machen. Einer der drei war schon einmal Unternehmer. Er ging aber in Konkurs. Einer der drei hatte kürzlich in Bratislava eine Auseinandersetzung und wurde dreimal angeschossen. Aus der Slowakei zurück, erfuhr man Neues in Wien. Zwei jüdische Unternehmer, die am Wiener Schwedenplatz einen gutgehenden Eissalon betreiben, würden unter Druck gesetzt. Gerüchte rasten. Tatsächlich: Auf dieses Lokal wurde von Unbekannten ein Buttersäureattentat und ein Angriff mit Baseballschlägern verübt. Davon bekamen die Tschetschenen Wind. Dann liefen viele Telefonate, die in der Fernüberwachung von der Polizei mitgehört wurden.

Trittbrettfahrer und Schutzgelderpresser
“30.000 Euro” wolle man von den jüdischen Wiener Kaufleuten, dann sorge man für Ruhe im Gebälk. Man bot also Dienste an und wollte auf tschetschenische Weise ins Geschäft kommen. Dann gab es für alle drei eine U-Haft, für den Rädelsführer bis zur Verhandlung.

Beim Prozess war das Trio kleinlaut und “voll geständig”. Der Staatsanwalt war leicht angefressen, dass die beiden Opfer, das jüdische Brüderpaar, nicht als Zeugen erschienen. “Wieder einmal sitzen nur kleine Fische vor Gericht”, maulte er. Auf die zeugenschaftliche Einvernahme der Polizeibeamten wurde verzichtet. Die genauen Hintergründe rund um den Eissalon “Fratelli” wurden öffentlich nicht erörtert. Schade, weil man gerne wissen möchte, ob man dort noch in Ruhe sein Eis essen kann, oder nicht. Die verhinderten “Erpresser” dürften auch nicht die ganz großen Mafiakontakte haben, wie aus Verteidigerkreisen zu hören ist: Es gab bei den Honorarzahlungen anhaltende Schwerhörigkeit.

Bedingte für Schmalspurmafiosi
Die drei Angeklagten, die aus dem ehemaligen Kriegszentrum Groszny stammen, waren unbescholten. Daher gab es bedingte Haftstrafen für den Versuch der “Schweren Erpressung”: 18 Monate, 15 Monate und 12 Monate, bewährt auf drei Jahre. Die U-Haft wurde aufgehoben. Am Ende war grenzenlose Freude und viel Schulterklopfen unter den angereisten Clans und Großfamilien.
Freude auch bei den Verteidigern Roland Friis und Alexander Philipp (der “junge Philipp”).

(Quelle:http://diegalerie.wordpress.com/2008/08/07/drei-tschetschennische-schmalspurmafiosi-wollten-wiener-juden-erpressen/ )

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