Totschlag-Urteil: Verteidiger spricht von völlig verkürzter Darstellung in Medien

Verteidiger: “Der ganze Medien-Tumult um das Urteil beruht meiner Ansicht nach auf zu wenig Information”

Kritik-Hagel und Medien-Hype um Totschlag-Urteil

Wien. Eine Woche Medienpräsenz genießt die mittlerweile als “Skandal” betitelten Causa um das Strafmaß des 46-jährigen gebürtigen Türken, der sein scheidungswillige Frau mit Messerstichen attackierte. Nun meldet sich sein Strafverteidiger, Roland Friis, zu Wort: “Meines Erachtens nach beruht dieser ganze Tumult um das Urteil auf zu wenig Information”, sagt der Verteidiger im Gespräch mit der “Wiener Zeitung”.

“Die Dinge werden völlig verkürzt dargestellt.” Besonders wichtig ist es ihm klarzustellen, dass nicht die Tat an sich – also die Messerstiche auf seine Frau – als für die Verwirklichung des Totschlagdelikts “allgemein begreifliche, heftige Gemütsbewegung” bewertet wurden, sondern der Gemütszustand des Mannes. “Und dabei wurde nicht, wie von den Medien berichtet, nur auf die Äußerung der Scheidungsabsicht der Frau abgestellt, sondern auf eine Vielzahl anderer Faktoren”, erklärt Friis.

So hätte das Ehepaar über viele Jahre hindurch schon wilde Streitgefechte ausgetragen, welche erst in Summe die Affekthandlung des Mannes erklären würden. Zur Eskalation der Streitigkeiten trug – neben Geldsorgen und Differenzen über die Erziehung der gemeinsamen sechs Kinder – angeblich auch der Tod der Mutter der Frau bei. So sei der Ehemann dagegen gewesen, die kranke Mutter wegen der medizinisch besseren Betreuung von der Türkei nach Österreich zu holen.

“Das Gericht ist unter Berücksichtigung aller Faktoren somit zu dem Schluss gekommen, dass auch ein mit dem Täter vergleichbarer Mensch in einer vergleichbaren Situation in einen derartigen Affekt-Zustand gelangen kann”, sagt der Anwalt.

Wobei hier im konkreten Fall als vergleichbarer Mensch kein “besonnener Akademiker” heranzuziehen sei, sondern ein Mensch aus demselben sozialen Milieu, mit vergleichbarem Status und einem ähnlichen Bildungsniveau. Für ein Handeln im Affekt spreche zudem auch, wiederholt und unkontrolliert mit dem Messer um sich zu stechen. “Wer hingegen weiß, was er tut und jemanden ermorden will, der zielt direkt – etwa auf das Herz.”

Der Ansicht des Anwalts zufolge habe die Staatsanwaltschaft somit juristisch völlig korrekt auf Totschlag angeklagt. Denn auch die kurz vor der Tat vom Täter zu seinem Bruder getätigte Aussage, die in etwa den Wortlaut “Ich halte das nicht mehr aus, irgendwann bring ich die Frau noch um” gehabt haben soll, hätte nicht für die Verwirklichung des Deliktes Mord gereicht.

Bildungsferne Kreise
Denn hier sei zu bedenken, dass in bildungsferneren Kreisen – der Mann hat nur fünf Jahre Schulbildung – gewalttätige Äußerungen differenziert zu bewerten sind. “Der Mann neigt vielleicht dazu, schnell einmal etwas Bedrohliches zu sagen, hat aber dabei nicht gleich einen Mordvorsatz.” Die Aussage wurde somit in diesem Kontext nicht als Morddrohung bewertet, was schließlich zur Anklage auf Totschlag führte. Das von vielen Seiten kritisierte Strafmaß in Höhe von sechs Jahren empfindet Verteidiger Friis als nicht besonders mild: “Mein Mandat war voll geständig, unbescholten und hat ein Jahr mehr als die Mindeststrafe bekommen. So mancher Österreicher ist da durch Strafmilderungsgründe schon mit einer viel geringeren Strafe davongekommen.”

Printausgabe vom Samstag, 23. Jänner 2010 Von Nina Flori

(Quelle: http://www.wienerzeitung.at/DesktopDefault.aspx?TabID=3941&Alias=Wzo&cob=463456 )

Noch keine Kommentare bis jetzt.

Einen Kommentar schreiben

Du musst angemeldet sein um hier zu kommentieren.