Verteidigung überzeugt Gericht: “Bombe” vor US-Botschaft war kein Anschlag

“Bombe” vor US-Botschaft war kein Anschlag

Laut Gericht war kein Verbrechen geplant – 15 Monate Haft für Verleumdung und Einfuhr von Kriegsmaterial

Wien – Der 42-Jährige, der am 1. Oktober 2007 mit einem Rucksack voll Sprengmaterial in der US-Botschaft in Wien-Alsergrund aufgetaucht war, hatte entgegen der Darstellung von Polizei und Staatsanwaltschaft keine konkreten Anschlagspläne. Zu diesem Schluss kam Richterin Eva Brachtel am Dienstag im Straflandesgericht, wo der Mann vom zentralen Vorwurf freigesprochen wurde, ein Verbrechen mittels Sprengstoff vorbereitet zu haben.

Potenzieller Informant
Laut Richterin Eva Brachtel habe der Mann die zwei Handgranaten, Zünder, Zündkappen, vier Blöcke mit Plastiksprengstoff, Spreng- und Zündkapseln, ein Zündersystem sowie eine Zeitzündschnur in der Botschaft übergeben wollen, um sich möglicherweise als Informant “anzudienen”. Der 42-Jährige habe dies auch per E-Mail und telefonisch wiederholt Botschaftsmitarbeitern angekündigt und dabei seinen richtigen Namen, sein Geburtsdatum, die korrekte Adresse, seine Telefonnummer sowie jene seiner Frau angegeben. Die Absicht eines Anschlags sei nicht erkennbar, sagte die Richterin.

“Das ist keine typische Vorgangsweise für je manden, der in die amerikanische Botschaft eindringen will, um eine Bombe zu zünden”, erkannte die Richterin. Der per Bahn aus seinem Wohnort Tulln angereiste Mann habe am Bahnhof sogar telefonischen Kontakt mit einem Botschaftsmitarbeiter aufgenommen, sei von diesem zum Botschaftsgelände dirigiert und vom Sicherheitspersonal bereits erwartet worden.

“Sollen zu ihm nach Tulln kommen”
Der Sicherheitsbeauftragte der US-Botschaft bestätigte im Zeugenstand, der 42-Jährige habe sich im September 2007 telefonisch bei ihm gemeldet und “wichtige Informationen” angeboten: “Er hat gesagt, wir sollen zu ihm nach Tulln kommen.” Er habe das abgelehnt und stattdessen ein Treffen am 3. Oktober um 9.30 Uhr am Franz Josefs-Bahnhof in Wien vorgeschlagen. Der 42-Jährige sei darauf eingegangen.

Dann habe sich dieser jedoch zwei Tage fr üher gemeldet und ihn unbedingt am Bahnhof treffen wollen. “Heute ist nicht Mittwoch, sondern Montag!”, habe er ihn darauf wissen lassen, so der Zeuge. Er habe den Anrufer schließlich zur US-Botschaft gelotst und sein Eintreffen dem Wachpersonal an der Sicherheitsschleuse avisiert.

Dort wurde der 42-Jährige einer Leibesvisitation unterzogen, sein Rucksack mit einem Röntgengerät und einem Sprengstoffdetektor untersucht. “Es waren Nägel zu sehen, Handgranaten. Es ist Panik ausgebrochen. Wir hatten den Eindruck, dass da eine Bombe drinnen ist”, schilderte der Sicherheitsbeauftragte.

Er habe dem Wachpersonal “Raus mit ihm!” zugerufen. Dem Mann sei der Rucksack in die Hand gedrückt worden, damit habe er wortlos und “relativ schnellen Schrittes” das Gebäude verlassen, erzählte der Zeuge. Die inzwischen auf den Plan gerufene Polizei konnte den Mann unweit von der Botschaft festnehmen, wobei er keinerlei Widerstand leistete.

Schuldlos in Haft
Der Mann wurde lediglich wegen der Einfuhr und des Besitzes von Kriegsmaterial, Urkundenfälschung – er hatte einen Reisepass hergestellt – und Verleumdung schuldig erkannt. Die Strafe: 15 Monate unbedingte Haft. Unmittelbar nach seiner Festnahme hatte der 41-Jährige unrichtigerweise einen Bekannten als angeblichen Auftraggeber belastet, der ihm den Rucksack sowie ein Buch über den Islam mit der Bemerkung überlassen habe, er werde “schon wissen, was zu tun ist”. Der 34-jährige Familienvater wanderte daraufhin für zwölf Tage in U-Haft und verlor seinen Job, ehe sich seine völlige Schuldlosigkeit herausstellte.

Für diese Vergehen setzte es nun für den geringfügig Vorbestraften Bosnier eine vergleichsweise strenge Strafe. Der 42-Jährige, der seit über einem halben Jahr in U-Haft sitzt, war dennoch damit einverstanden. Staatsanwalt Michael Klackl gab vorerst keine Erklärung ab. Das Urteil ist daher nicht rechtskräftig.

Kriegstraumatisiert
Der gebürtige Bosnier war erstmals 1993 nach Österreich gekommen. Ein Jahr später kehrte er in seine Heimat zurück und nahm an Kampfhandlungen im ehemaligen Jugoslawien teil. Dabei wurde er verletzt und zunächst in Kroatien behandelt. Über Vermittlung des Roten Kreuzes wurde er 1995 ausgeflogen und in Niederösterreich betreut. Die Ärzte bescheinigten ihm ein aus mitgemachten Kriegserlebnissen resultierendes posttraumatisches Belastungssyndrom, weshalb er vorübergehend stationär in der Landesnervenklinik Gugging behandelt wurde.

Für seinen Verteidiger Roland Friis steht fest, dass der 42-Jährige nach wie vor an einem “angeschlagenen psychischen Zustand” laboriert, wie er nun im Grauen Haus deponierte. Damit sei möglicherweise zu erklären, weshalb er auf die Idee kam, offensichtlich aus dem ehemaligen Jugoslawien eingeführtes Kriegsmaterial der US-Botschaft “anzubieten”, vermutete der Jurist.

Gerichtspsychiater Heinrich Pfolz hatte den Mann als zurechnungsfähig eingestuft, jedoch “gewisse auffällige Persönlichkeitszüge” beschrieben. Diese wären allerdings “nicht abartig”.

(Quelle: www.derstandard.at)

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