Roland Friis schafft Freispruch für Nigerianer im Taxlerstreit.

Strafverteidiger Roland Friis – Nach der Arbeit – Gesehen von Marcus J. Oswald Strafverteidigung im Gerichtssaal ist hohe Kunst.

Sie erfordert Konzentration, präzise Wortwahl und das Rollenspiel für den Mandanten. Wenn gut gemacht, ist sie erschöpfend und Schweiß treibend. Im Bild Verteidiger Roland Friis, der für seine Mandanten sogar das letzte Hemd durchschwitzt. (Wien, im Juli 2008) Der Taxlerstreit vom Tuchlauben war eine typische Wiener Geschichte mit einem ernsten – man muss es so nennen – rassistischen Kern. Freilich spielen Wiener diesen gerne herunter. Der Konflikt begann in der Wiener City und endete vor Gericht.

Zwei Taxis fuhren hintereinander. Vorne eines mit einem schwarzafrikanischen Lenker, dahinter ein „echtes“ Wiener Taxi. Der Wiener hupte, weil das Taxi vor ihm „provozierend langsam“ fuhr. Der Wiener drängelte. Überholte, schnitt das andere Taxi an den Straßenrand und zwang es zum Stehenbleiben. Der Wiener stieg aus. Und ging mit einem eisernen Radkreuz aus dem Kofferraum auf den „Kollegen“ zu. Dann fielen Worte. Dokumentiert sind: „Scheiß Neger, geh heim nach Afrika.“

Schwarz auf Weiß Der „Vorfall“ hatte sich in der belebten Wiener Innenstadt am 1. August 2007 zugetragen. Am 10. Juli 2008 saßen sich die „Kollegen“ auf der Anklagebank gegenüber. Beide (!) wurden von Staatsanwalt Gerd Hermann angeklagt. Der 57-jährige Gerhard Friedrich L. aus Wien-Favoriten wegen Nötigung des Kollegen zum Anhalten des Autos und versuchter Körperverletzung (Angriff mit Radkreuz). Der 42-jährige Christopher Uzodimma O. wegen versuchter Nötigung und versuchter Körperverletzung (Abwehrhandlungen).

Auffällig waren unterschiedliche Herkunft, Ausbildung und Verdienst. Der Wiener Taxler gab mit 4 Jahre Volksschule, 4 Jahre Hauptschule und 4 Jahre Lehrausbildung ein gegenwärtiges Nettoverdienst von 2.600 EUR an (alte Währung: 35.776 ATS). Der schwarzafrikanische Taxler hat Matura und ein Nettoverdienst von 1.000 EUR. Der Afrikaner wurde von Strafverteidiger Roland Friis vertreten. Vorrang Das Vorrecht der Straße ist im Vorrang definiert. Nimmt man einem Autofahrer den Vorrang, nimmt man ihm das Vorrecht. Auslöser für den unkollegialen Streit war die Beschneidung eines Vorrechts. Der „Konflikt“ unter Berufsfahrern begann schon Straßen davor. Demütigung Gutverdiener-Taxler L. will um 14 Uhr des heißen 1. August 2007 mit seinem MercedesBenz von der Herrengasse über den Michaelerplatz rollen. Da nimmt ihm SchlechtverdienerTaxi (Minivan), das vom Heldenplatz durch die Michaelerkuppel kommt, „den Vorrang“ und biegt vor ihm in die Reitschulgasse ein. L. muss eine „Notbremsung“ machen. Er sinnt auf Klärung. Klugerweise haben beide den gleichen Weg. Sie fahren hintereinander in Richtung Peterskirche und dann Tuchlauben. Da das Taxi mit dem nigerianischen Lenker laut L. „provozierend langsam fährt“, beginnt er zu hupen (Hupen in der Innenstadt lieben die Wiener Anrainer und Fußgänger heiß – es ist laut StVO verboten).

Da sich das Fahrtempo nicht verschärft, überholt L. vor Tuchlauben 11 und zwingt den Kollegen durch Schneiden zum Anhalten. Stillstand Ab nun teilen sich die Meinungen zum Geschehen. Gerhard Friedrich L. zu Richterin Daniela Vetter: „Ich stieg aus und ging zur Fahrertür, wo das Fenster offen war. Ich fragte ihn, ob er die Verkehrsregeln nicht kennt. Er schimpfte aus seinem Auto heraus.“ In diesem kurzen Moment will L. etwas wahrgenommen haben. Der Nigerianer habe keinen Lenkerausweis in der Windschutzscheibe hinterlegt. Er zückt sein Handy und will filmen und fotografieren. (Auf die Idee, dass der Ausweis im Handschuhfach liegt, kam L. nicht.) Bewegung L.: „Daraufhin sprang er aus dem Auto und schlug mir das Handy aus der Hand. Dann schlug er mit der Faust aufs rechte Auge, worauf meine Brille wegflog. Aufgrund des Schlags fiel ich zu Boden und verletzte mir die Hand.“ Es entstand eine Bierzelt-Rangelei. L.: „Mit der zweiten Hand ergriff ich ihn an seinem Hemd. Ich kam jedoch abermals zum Sturz, wobei ich sein Hemd zerrissen haben dürfte. Dann zerriss er mein Hemd, riss meine Goldkette ab und beschädigte meine Lesebrille.

Dann blieb ein weiteres Taxi stehen und ein Schwarzafrikaner stieg aus. Nebenbei sprach er auch mit ihm in einer mir unbekannten Sprache. Ich stieg in mein Taxi und fuhr zur nahegelegenen Polizei, wo ich anläutete.“ Mercedes – L.: „Die Schadenssumme würde ich mit 1.000 EUR bezeichnen“ Danach fuhr L. ins Meidlinger Unfallkrankenhaus mit dem eigenen Auto. Er muss schwer verletzt gewesen sein, da er unfallfrei einen Weg von knapp zehn Kilometern im innerstädtischen Verkehr mit rund 35 Verkehrsampeln zurücklegen konnte. „Privatbeteiligter“ wollte er dann auch sein: „Die Schadenssumme würde ich mit 1.000 EUR bezeichnen“.

Hupen als Grüßen Der nigerianische Taxler, 42, österreichischer Staatsbürger mit gutem Deutsch, sah das etwas anders, lebensnaher und weniger schablonenhaft. Er sagte: „Ich fuhr am 1. August 2008 über den Michaelerplatz. Plötzlich hörte ich ein Hupen. Ich dachte, es sei ein Kollege, der mich mit dem Hupen Grüßen wollte.“ Er dachte sich nichts weiters und fuhr in gemäßigten Schritttempo durch die engen Gassen der Inneren Stadt. Ihm fiel im Rückspiegel auf, dass ein anderes Auto hinter ihm drängelte und sehr knapp auffuhr. Zur Richterin: „Das erstaunte mich.“ Dann wurde er geschnitten und zum Anhalten gezwungen. „Ein Mann kam zu meiner Tür und beschimpfte mich aufs Gröbste und in rassistischer Weise. Er sagte: Du Scheiß Asylant, Du Scheiß-Neger, schleich Dich heim nach Afrika.“ Der Mann ging vor sein Fahrzeug und machte Fotoaufnahmen. O. stieg aus, wollte wissen, was er macht und sagte ihm, dass er ihn fast angefahren hätte, als er geschnitten wurde. Tag der zerissenen Hemden „Dann ergriff er die Brusttasche meines Hemdes und riss an. Dabei wurde mein Hemd komplett aufgerissen.“ L. sagte zu O.: „Ich werde Dir zeigen, wie das geht.“ Laut O. ging L. dann zu seinem Kofferaum und holte einen Radmutternschlüssel heraus. Dann stand er in einer Ausholbewegung vor dem Schwarzafrikaner. L. trat O. gegen Schienbein und Hose. Es entstand eine Rangelei. Das Radkreuz fiel zu Boden. L. fiel auch kurz um, „stand aber sofort wieder auf“, so der Nigerianer. O. rief schließlich die Polizei.

Der Wiener Taxler stieg in sein Auto und fuhr zum nächsten Wachzimmer. Der andere fuhr hinterher. Verteidiger Roland Friis konnte Richterin Daniela Vetter überzeugen, dass nicht Christopher Uzodimma O. wegen Nötigung zu bestrafen ist, da seinem Kontrahenten nicht das Telefon aus der Hand schlug, um diesen zu hindern die Polizei zu rufen, sondern, dass er selbst die Polizei rief. Hingegen entspricht das absichtliche Schneiden und Stoppen eines Fahrzeugs dem Tatbild der Nötigung schon eher. Legale Abwehrhandlungen Vor allem konnte Friis die Frage klären, wie die leichten Verletzungen (minimale Hautabschürfungen) des Wiener Taxlers zustande kamen. Sie waren „Abwehrhandlungen“.
Dieser ging mit einem Werkzeug auf seinen Gegner los. Zudem legte Friis die Hose des nigerianischen Taxlers als Beweisstück vor. Darauf waren Schuhabdrücke des Wiener Angreifers deutlich zu sehen, was die Richterin als Beweis wertete, dass handfeste Angriffe stattfanden.

Im Hintergrund ließ Friis in diesem Fall auch einen Detektiv arbeiten. Es ging darum herauszufinden, welcher Art Radkreuze es gibt und welche ein Mercedes Benz hat. Es stellte sich Interessantes heraus. Kreuz mit dem Radkreuz Dreh- und Angelpunkt blieb das „Radkreuz“. Der Wiener Taxler L. bestritt bei Gericht, dass es ihm gehört. Der Kofferaum des Christopher Uzodimma O. (Minivan) war jedoch laut Polizeiprotokoll sauber sortiert. Beide Lenker ihr Bordwerkzeug vollständig im Kofferraum. Nur bei L. im Kofferraum fanden sich seitlich zusätzlich leicht ölige Stoffetzen. „Das machte den Eindruck, als wäre dort ein Werkzeug verstaut gewesen.“ (Polizeiprotokoll, 1.08.07, BPD Am Hof 1010) Wenn Strafverteidiger Friis eines unglücklich macht, dann, wenn vor Gericht auf Bestemm gelogen wird. Friis beantragte in CSI-Methode eine chemische DNA-Analyse der Ölspuren im Kofferraum des Mercedes für einen Abgleich mit dem beschlagnahmten Drehkreuz. Die Richterin wies den Antrag ab. Danach war der Freispruch für Christopher Uzodimma O. gefällt. Sämtliche Schadenersatzforderungen gegen den Afrikaner – für Goldkette, Brille und Hemd des Wiener Angreifers – wurden ebenso abgeweisen. Bei Freispruch zahlt des Verteidigers Honorar die Staatskasse.

Marcus J. Oswald (Ressort: Körperverletzung) Veröffentlicht in Gerichtssaal, Justizfälle von marcusjoswald am 11. Juli 2008

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